Helsana Standpunkt

11 Helsana Standpunkt 2·19 10 Helsana Standpunkt 2·19 SwissDRG: Zeit für eine Zwischenbilanz Eine Studie untersuchte die Effekte des DRG-Fallpau- schalen-Systems. Laut Studienautoren hat die Spitalauf- enthaltsdauer bereits eine untere Grenze erreicht. Diese Entwicklung geht mit einer leicht höheren Wiedereintritts- rate einher. Im Interview mit PD Dr. Eva Blozik ordnet SwissDRG-Geschäftsführer PD Dr. med. Simon Hölzer die Studie ein. und Auswirkungen aus verschiedenen Blickwin- keln überwacht (siehe Evaluation KVG-Revision Spitalfinanzierung). Hierbei spielen die Wieder- eintritte und die Verweildauer ebenfalls eine Rolle, um eine möglichst sachgerechte Abbildung und Bewertung von Leistungen sicher zu stellen. Zahlen zur Sterblichkeit werden im Rahmen der Messungen des ANQ 2 erfasst und publiziert. Die Ergebnisse der Studie decken sich nicht mit dem allgemeinen Bild nach Einführung der Swiss- DRG-Fallpauschalen. Die Abnahme der Verweil- dauer in den Spitälern, welche in den letzten 20 Jahren zu verzeichnen war, hat sich nicht akzen- tuiert. Weitere negative Effekte und Befürchtun- gen haben sich ebenso nicht bestätigt, so dass wir weiterhin von einer patienten- und qualitätsori- entierten Versorgung in den Schweizer Spitälern ausgehen. Eine ideale mittlere Verweildauer gibt es nicht und ist vielmehr vom Versorgungsauftrag des Spi- tals, der Verfügbarkeit von Spitex bzw. nachgela- gerten Pflege- und Reha-Einrichtungen beein- flusst. Die Autoren haben ihre Analysen für fünf aus- gewählte Diagnosen durchgeführt. Wie bewer- ten Sie diese Einschränkung auf Patienten mit Herzinsuffizienz, Herzinfarkt, Lungenentzün- dung, COPD oder Lungenembolie? Neben den untersuchten akuten Diagnosen hät- ten wir uns ein breiteres Spektrum gewünscht: Die Beurteilung von vollständigen Leistungsbe- reichen, unterschiedlichen medizinischen Indi- kationen inkl. Kindermedizin oder Wahleingrif- fen. Trotzdem erachte ich die Aussagen der Studie 2 ANQ ist der nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spi- tälern und Kliniken und koordiniert und realisiert Qualitäts- messungen in rund 400 Schweizer Spitälern und Kliniken. 2012 wurde für die Abgeltung von Spitalbehand- lungen das DRG-Fallpauschalen-System einge- führt. Die Abgeltung basiert auf der Diagnose, während vormals die in den Spitälern entstande- nen Kosten primär nach Aufenthaltsdauer in Rechnung gestellt wurden. Medizinisch homo- gene Behandlungsfälle sind seither in bewerteten Gruppen gebündelt und ergeben zusammen mit einem verhandelten Basisfallpreis den Rech- nungsbetrag. Die Einführung des Fallpauschalen- systems SwissDRG war von grossen Hoffnungen begleitet: Mehr Transparenz im stationären Sek- tor, stärkerer Wettbewerb unter den Spitälern und gesteigerte Kosteneffizienz. Gleichzeitig hegten Kritiker die Sorge, das Pauschalsystem würde zu administrativen Mehraufwand und verfrühten Entlassungen von Patienten führen. Nun gewährt eine grossangelegte Studie 1 erstmals einen fun- dierten Einblick in die Auswirkungen von Swiss- DRG. Im Interview äussert sich Dr. med. Simon Hölzer, Geschäftsführer der SwissDRG AG, zu den Erkenntnissen. Die Studie untersuchte Spitalaufenthaltsdauer, Wiedereintrittsrate und Sterblichkeit. Decken sich die Studienergebnisse mit Ihren Erfahrun- gen und Einschätzungen? Seit der Einführung von SwissDRG werden im Rahmen der Begleitforschung die Anwendung 1 Kutz A. et al. Swiss diagnosisrelated group reimbursement system with length of stay, mortality, and readmission rates in hospitalized adult patients. JAMA Netw Open. 2019;2(2): e188332. Studie zu den Effekten des stationären DRG-Fallpauschalen-Systems als sinnvolle Ergänzung zu den Arbeiten im Rah- men der Begleitforschung. Zudem erscheint es immer wichtiger, dass von einer rückblickenden Kontrolle der Patientenversorgung zu einer vor- ausschauenden Kontrolle und Steuerung überge- gangen wird. Die zeitnahe Verfügbarkeit von Ver- sorgungsdaten im Gesamtsystem trägt massgeb- lich zur Transparenz auf den unterschiedlichen Ebenen bei. Die Studie wurde mit Daten von 2009 bis 2015 durchgeführt. Welche Eckpunkte der DRG- Einführung in der Schweiz sollten uns bei der Interpretation der Studienergebnisse bewusst sein? Die tatsächlichen Auswirkungen der Einführung im Jahr 2012 treten erst mit einer gewissen Latenz zutage. Spitalprozesse mussten und müssen lau- fend angepasst werden. Die Infrastrukturen hin- ken dem politisch Gewollten und dem medizi- nisch Sinnvollen hinterher. Als ein Beispiel sei die Notwendigkeit der Ambulantisierung der Medi- zin genannt, mit bewusstem Verzicht auf statio- nären Strukturen und deren Mehrkosten. Oder der Einsatz von Grossgeräten, welcher immer noch zu dezenteral mit niedriger Auslastung bzw. dem Anreiz zu «volume statt value», d.h. zu Über- versorgung ohne Qualitätsgewinn, führen kann. Wo sehen Sie selbst Forschungsbedarf im Hin- blick auf die Evaluation und Weiterentwicklung von SwissDRG? Mit dem SwissDRG-System haben wir eine diffe- renzierte und datenbasierte Tarifstruktur, die alle Angebote im stationären Bereich bewertet und deren Finanzierung sachgerecht sicherstellt. Die Studie zu den Effekten des stationären DRG-Fallpauschalen-Systems Die Studie untersucht, ob sich nach Einführung von SwissDRG eine Verkürzung der stationären Aufent- haltsdauer zeigt und wenn ja, ob dies mit höherer Sterblichkeit und mehr Wiedereinweisungen einher- ging. Dafür wurden Daten aus derMedizinischen Statistik des Bundesamtes für Statistik über die Jahre 2009 bis 2015 analysiert. Untersucht wurden 5 ausgewählte Patientengruppen bzw. 16 Prozent der Hospitalisationen imZeitraum (Lungenentzündung, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Herzin- farkt, Herzinsuffizienz und Lungenembolie). Die Aufenthaltsdauer lag 2009 bei 8 Tagen und 2015 bei 7.2 Tagen. Wurden allerdings Unterschiede zwischen den Patienten und Spitälern berücksichtigt, welche die Aufenthaltsdauer beeinflussen, liess sich kein Unterschied vor und nach DRG-Einführung feststel- len. Für die Sterblichkeit während des Spitalaufenthaltes zeigte sich dagegen eine statistisch relevante Reduktion von 4.9 Prozent auf 4.6 Prozent. Die Wiedereinweisungen innerhalb von 30 Tagen nach Ent- lassung stiegen hingegen statistisch signifikant von 14.4 Prozent auf 15 Prozent. SwissDRG AG publiziert jährlich zu jeder neuen Tarifversion die Kennzahlen der Systemgüte und legt damit offen, welche Leistungsbereiche allen- falls nicht ausreichend abgebildet sind oder einer systematischen Über- oder Unterfinanzierung unterliegen. Mit der transparenten Darstellung der Systemgüte ist eine erste Basis geschaffen, um die Spitalpreise einem direkteren Vergleich zu unterziehen, natürlich mit dem Wissen um Zah- lungen der öffentlichen Hand ausserhalb des Pau- schalsystems oder zum Stand der Refinanzierung von Investitionen. Gerade die gemeinwirtschaft- lichen Leistungen der öffentlichen Hand, bezahlt von den Steuerzahlern, verhindern heute die Ver- gleichbarkeit und verzerren den Wettbewerb zwi- schen den Spitälern. Der Fokus sollte nun ver- stärkt auf dieses Preis-Benchmarking gelegt wer- den, womit berechnet wird, um wieviel teurer oder günstiger ein Spital im Vergleich zumMarkt ist. So kann gesundheitspolitisch diskutiert wer- den, ob Differenzen tolerierbar sind und allenfalls grössere Abweichungen im Einklang mit den Bedürfnissen der Bevölkerung stehen. n PD Dr. med. Simon Hölzer Geschäftsführer der SwissDRG AG PD Dr. Eva Blozik MPH Leiterin Gesundheits- wissenschaften

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